Dienstag 19. September 2017

Inhalt:

EMIL (+26.10.2003 *29.10.2003)

 

unknownMeine dritte Schwangerschaft verlief, wie die anderen beiden, unproblematisch, und bei der Untersuchung in der 12. Woche war noch alles in Ordnung. Ferdinand (damals 3,5) entschied, bei der nächsten Ultraschalluntersuchung dabei sein zu wollen.

 

Ende August war es soweit. Ferdinand und ich freuten uns sehr darauf, das Baby im Bauch strampeln zu sehen. Mein Frauenarzt machte eine Ultraschalluntersuchung und erklärte, dass es ein sehr lebhaftes Baby war, das Herzchen schlug und auch sonst alles in Ordnung war. Doch plötzlich wurde er schweigsam, und ich spürte, dass etwas nicht so war, wie es sein sollte. Ich fragte nach, bekam aber keine Antwort. Jetzt bekam ich Angst – und zwar zu Recht, wie sich herausstellte. Der Arzt sagte: „Leider ist nicht alles in Ordnung. Wie es ausschaut, ist seit der letzten Untersuchung das Gehirn Ihres Babys nicht weitergewachsen.“ Ich fragte ihn, wie es jetzt weitergehe, und bekam zur Antwort: „Wenn sich mein Verdacht bestätigt – und ich habe leider keinen Zweifel daran – gehen sie so bald wie möglich ins AKH, um die Schwangerschaft abzubrechen. Das ist der übliche Weg.“ Auf meine Frage: „Wenn ich das Baby bekommen würde – wäre es dann nicht lebensfähig oder nur behindert?“ schaute er mich mitleidig, aber von oben herab an und meinte: „Selbst wenn es die Geburt überleben würde, wäre es schwerst behindert. Ich rate Ihnen: tun Sie das nicht...“ Ich war fix und fertig, Ferdinand war total durcheinander, und ich wusste nicht, wie ich ihn trösten konnte. Es war schrecklich!

Der Termin im Krankenhaus war schon am nächsten Tag. Während Ferdinand und Balduin (damals fast 2) bei ihren Großeltern waren, begleitete mich mein Mann. Wie erwartet, wurde die Diagnose bestätigt. Endlich wurden wir umfassend darüber aufgeklärt, was genau los war, dass die Behinderung unseres Babys Anenzephalie genannt wird und gar nicht so selten ist, und dass es unter dieser Vorausetzung bis zum Schluss möglich ist, die Schwangerschaft abzubrechen. Da Balduin in etwas mehr als einer Woche seinen 2. Geburtstag hatte, beschlossen wir, die Geburt möglichst bald einzuleiten. Der Gedanke, Geburtstag zu feiern mit dem Wissen, mein Baby kurz später abtreiben zu lassen, war mir nämlich zuwider. Dann schon lieber gleich - es würde ja eh nichts ändern! Aus diesem Grund machten wir einen Termin für den nächsten Tag aus. Weder von den Ärzten noch von der Psychologin wurde die Möglichkeit aufgezeigt, das Baby auszutragen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich selbst auch nicht daran dachte, ich war vielmehr überhaupt nicht zum Nachdenken fähig. Als ich die Möglichkeit bei meinem Frauenarzt kurz angesprochen hatte, war ich nicht ernst genommen worden, und seither gab es sie einfach nicht mehr...

 

Zum Glück gibt es das Internet! Schon seit ca. zwei Jahren schrieb ich regelmäßig in einem Elternforum und hatte dort auch über meine dritte Schwangerschaft berichtet. Während mein Mann allein zu seinen Eltern fuhr, diese über den Stand der Dinge informierte und unsere Kinder abholte, setzte ich mich an den Computer und schrieb mir im Forum alles vom Herzen. Ich bekam innerhalb kürzester Zeit sehr viele Antworten und e-mails – darunter eines, dessen Schreiberin mich über die Möglichkit in Kenntnis setzte, das Baby auszutragen, weil sie „das Gefühl hatte, das sei noch nicht bedacht worden.“ Sie schickte mir den Link zur homepage www.anencephalie-info.org, und ich verbrachte die nächsten Stunden damit, Erfahrungsberichte zu lesen. Als mein Mann und die Kinder nach Hause kamen, hatte ich mich bereits entschieden, mein Kind auszutragen.

Wir sagten den Termin in der Klinik ab und verbrachten die nächste Zeit damit, uns genauer zu informieren, zu lesen und eine Hebamme für die Hausgeburt zu suchen, die wir kurze Zeit später fanden.

Die meisten Menschen in unserem Umfeld reagierten sehr positiv auf unsere Entscheidung, die Beziehung zu meinen Eltern und einigen Freunden wurde viel enger. Bereits in der Schwangerschaft nahm ich Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe für „Verwaiste Eltern“ auf und wurde dort mit offenen Armen aufgenommen.

 

Mein Baby sollte im Jänner geboren werden. Leider hat Emil sich anders entschieden und uns schon früher verlassen: Er ist in der 26.Ssw, am 26. Oktober 2003, gestorben.

Nachdem ich zwei Tage nichts mehr von ihm gespürt hatte (was sehr ungewöhnlich war), rief ich am 28. Oktober meine Hebamme an und bat sie, ein ctg zu machen. Ich war schon gefasst auf das Ergebnis - nämlich, dass keine Herztöne mehr zu finden waren. Natürlich war ich trotzdem schockiert und musste weinen. Zum Glück war mein Mann zuhause, er hatte an diesem Tag nichts in der Firma zu tun. Die Hebamme riet uns, nicht zu lange abzuwarten und spätestens an diesem Abend ins Spital zu fahren. Wir kauften Puppenkleider, um sie unserem Baby (wir wussten noch nicht, ob Bub oder Mädchen) anzuziehen und verbrachten den Nachmittag mit unseren Söhnen, weil wir damit rechneten, die nächsten Tage keine Zeit für sie zu haben. Eine gute Freundin bot sich an, in unserer Wohnung und bei den Kindern zu bleiben.

 

Wir (mein Mann, meine Hebamme und ich) fuhren am Abend in die Klinik, in der ich schon meine beiden anderen Söhne entbunden hatte. Leider war die diensthabende Ärztin nicht sehr einfühlsam. Sie empfahl mir gleich, "beim nächsten Mal besser aufzupassen und Folsäure einzunehmen", und riet uns außerdem total davon ab, unsere Kinder das Baby sehen zu lassen: "Das schaut nicht schön aus, das riecht nicht gut," waren ihre Worte. Um  20.30 Uhr bekam ich das erste Zäpfchen. Bereits 20 Min. später bekam ich Wehen, wie ich sie noch nie gehabt hatte: Ich hatte höllische Schmerzen, Schüttelfrost und musste mehrmals erbrechen. Ich war sehr froh, dass ich meine eigene Hebamme mithatte, die nur für mich zuständig war! Auf ihren Rat hin ging ich in die Badewanne, wo auch wirklich der Schüttelfrost aufhörte und die Schmerzen weniger wurden. Um Mitternacht bekam ich das zweite Zäpfchen. Alles ging von vorne los: Schuettelfrost, Schmerzen, Erbrechen,... Zum Schluss bekam ich von der Hebamme ein ziemlich hoch dosiertes Schmerzmittel gespritzt und konnte zwei Stunden schlafen.

Dann war die Nacht überstanden. Es war der 29. Oktober 2003, unser 4. Hochzeitstag. Die Hebamme untersuchte mich und sagte, der Muttermund sei nur 1 cm(!!) offen. Ich konnte nicht glauben, dass die ganze Anstrengung nichts gebracht hatte und war völlig am Boden zerstört. Zum Glück war ein neuer Arzt da, er war meine Rettung! Er sagte, es bringe nichts, die Geburt mit so enormem Druck vorantreiben zu wollen. Mein Mann und ich sollten ein bisschen spazierengehen und nach dem Mittagessen wieder da sein. Dann würden wir weiterschauen. So sind wir bei wunderschönem Wetter langsam durch den ganzen Bezirk spaziert, haben geredet und uns sogar in eine Konditorei gesetzt, um bei Kaffee und Kuchen unseren Hochzeitstag zu "feiern".

Zu Mittag untersuchte mich der Arzt und sagte, es hätte sich leider nichts getan. Er gab mir ein weiteres Zäpfchen, ein anderes als in der Nacht, und zwar nur ein halbes, damit die Wehen nicht so stark waren. Gleichzeitig kam der Anruf meiner Hebamme, die sagte, sie könne nicht mehr kommen, sie sei krank und habe die Grippe. Ich wurde nun also von der diensthabenden Hebamme im Spital weiter betreut.

Ich hatte ein totales Glück mit diesem Arzt und dieser Hebamme, die ein sehr gutes Team waren und sich bestens um mich kümmerten. Die Wehen gingen jetzt zügig voran, taten aber fast nicht mehr weh. Es war wie bei meinen anderen beiden Geburten...

Um 18.00 Uhr hätte die Hebamme Dienstschluss gehabt, aber sie blieb extra wegen mir noch länger, weil sie sicher war, dass es nicht mehr lange dauerte. Sooo schnell ging es aber dann doch nicht. Um 20.00 Uhr war der Muttermund 7 cm offen, und der Arzt versuchte, mit seiner Hand den Kopf schon herauszuziehen. Das klappte zwar nicht - dafür gingen zwei Minuten spaeter (wohl durch diese "Spezialbehandlung") die Presswehen los. Die Hebamme kam gerade und wollte sich nun doch verabschieden, aber jetzt ließ ich sie nicht mehr gehen.
Bei der ersten Presswehe platzte die Fruchtblase, bei der zweiten kam das Köpfchen, und bei der dritten war Emil bereits ganz geboren. Es war 20.14 Uhr, also knappe 24 Std. nach meiner Ankunft in der Klinik. Der Arzt lobte mich über alles, und sagte, ich hätte das ganz toll gemacht.


Die Hebamme fragte mich, ob ich Emil anfassen möchte, aber ich wollte zuerst nur schauen. Sie ließ meinen Mann und mich dann mit Emil alleine. Ich habe Emil zuerst nur betrachtet, bevor ich endlich den Mut hatte, ihn in den Arm zu nehmen. Das Seltsame war, dass ich gar nicht so traurig war - nur stolz und froh, dass ich endlich sah, wie er ausschaute. Immerhin war ich schon sehr neugierig auf ihn gewesen. Ich hatte so gar nicht das Gefühl, dass er wirklich tot war. Er hatte die Augen offen und war "anwesend". Mein Mann hatte das gleiche Gefühl. Erst nach einiger Zeit schien Emil uns zu verlassen, und erst dann machten wir Fotos sowie Hand- und Fußabdrücke. Die Puppenkleider konnten wir ihm übrigens nicht anziehen, da sie viel zu groß waren! Also wickelten wir ihn in eine Stoffwindel. Wir überlegten, was wir jetzt machen sollten, und mir war klar, dass ich Emil nicht so schnell hergeben möchte. Ich dachte mir, wir könnten ihn einfach über Nacht auf dem Wickeltischchen liegen lassen. Als die Hebamme das hörte, sagte sie: "Aber nein! Sie bekommen natürlich ein Gitterbettchen fuer ihn!" Das fand ich sehr schön.
Am nächsten Morgen verließ mich mein Mann, um unsere "großen" Kinder abzuholen, damit sie ihren Bruder sehen konnten. Sie wussten, was los war, da wir ihnen von Anfang an alles gesagt hatten. Ferdinand verstand schon, dass sein kleiner Bruder nur in meinem Bauch hatte leben können.
Während mein Mann fort war, nahm ich die Decke von Emils Körper und schrieb mir ganz genau auf, wie er aussah.
Die Kinder waren überrascht, dass ihr Bruder so winzig war. Sie trauten sich nicht, ihn zu halten, und haben ihn nur ganz vorsichtig angefasst. Meine Freundin war auch dabei (Sie wäre auch bei der Hausgeburt im Jänner dabeigewesen). Nach ca. 2 Std. verabschiedeten wir uns von Emil und ließen ihn im Spital zurück.

Hier in Wien werden alle totgeborenen Babys auf dem "Babygrabfeld" bestattet, die Kosten und die Organisation dafür übernimmt die Stadt. Wir bekamen den Bestattungstermin am 12. November. Erst nachher erfuhren wir, dass das genau Emils Namenstag ist. Wir hatten ca. zwei Wochen Zeit, um die Beerdigung vorzubereiten. Mit meinen Kindern und meinen zwei kleinen Brüdern (9 und 7) bemalte ich ein Leintuch kunterbunt, um es um den Sarg zu wickeln. Außerdem verzierten wir Kerzen.
Die Beerdigung war schon um 7.40 Uhr in der Früh. Meine Freundin kam schon eine Stunde früher, um mich abzuholen. Nach einigem Hin und Her hatten wir durchsetzen können, dass der Sarg offen war, und ich wollte Emil nun doch noch einmal anschauen. Ich hatte eine kleine Mütze für ihn gemacht, und meine Freundin wollte ihm etwas in den Sarg mitgeben. Ich bin sehr froh, dass ich Emil noch einmal angeschaut habe - gerade, weil das Gefühl dabei so anders war als bei der Geburt! Ich konnte ihn nicht mehr spüren, es war mir klar, dass nur mehr seine Hülle da liegt.

Die Feier war sehr schön, es kamen viele Leute, eine Freundin spielte auf der Orgel. Mein Mann trug den Sarg selber zum Grab, daneben gingen die Kinder mit den verzierten Kerzen. Ein Freund sang am Grab ein Lied (wobei er fast nicht singen konnte vor lauter Tränen), und mein ältester Bruder hielt eine Grabrede. Als der Sarg im Grab war, warfen wir anstatt Erde bunte Herbstblätter ins Grab.

Die Zeit und die Erfahrung mit Emil hat mein Leben sehr verändert, und ich bin dankbar, dass ich ihn hatte. In die Geburtsanzeige haben wir geschrieben: "Dein Leben war kurz, aber wertvoll. Wie freuen uns, dass du für immer zu unserer Familie gehörst."

 

Petra Hainz

www.glueckloseschwangerschaft.at

aktion leben österreich, Dorotheergasse 6-8, 1010 Wien | PSK-Konto 7.331.600 | BLZ 60.000 | Tel. 01/512 52 21
aktion leben österreich, Dorotheergasse 6-8, 1010 Wien | PSK-Konto 7.331.600 | BLZ 60.000 | Tel. 01/512 52 21