Dienstag 19. September 2017

Inhalt:

Strandgespräch (Gregor Demblin)

 

Die Bar ist ziemlich voll, doch ganz hinten auf der Terrasse ist noch ein freier Tisch. Bereits von hier kann ich erkennen, dass er mit dem Rollstuhl unterfahrbar ist. Das ist gut, dann fällt mir das Trinken viel leichter. Ich bestelle uns zwei Gin-Tonics. Unter uns rauschen die Wellen an den Sandstrand, die Sonne steht schon tief und taucht alles in goldenen Glanz.

 

unknown„Was ich Dich fragen wollte: Wie ist das eigentlich so, Dein Leben im Rollstuhl?“, fragt sie mich unvermittelt. Ich kenne die Frage gut, wurde das schon oft gefragt. Und nie weiß ich so recht, wie ich darauf antworten soll.

 

„Für mich ist mein Leben ganz normal“, sage ich. Ich habe mich an mein Leben gewöhnt. Ich brauche viel Hilfe und muss alles im Voraus genau organisieren. Aber das automatisiert sich, und man denkt nicht mehr darüber nach. Wenn ich eine Besprechung plane, erkundige ich mich, ob es einen Lift gibt. Wenn ich verreise, muss ich exakt recherchieren, dass das Badezimmer im Hotel genau meinen Anforderungen entspricht und am Flughafen Hilfspersonal vorhanden ist. Doch Organisation ist Übungssache. Im Lauf der Jahre habe ich das Vorausplanen gelernt - und auch das Improvisieren, falls dann doch alles anders kommt.

 

Der Schlüssel zu meiner Freiheit ist die sogenannte persönliche Assistenz. Dieses System wurde in den letzten Jahren eingeführt und laufend verbessert. Ich habe bezahlte Helfer, die für mich all die Dinge erledigen, die ich nicht selber machen kann. Das erlöst mich aus der Abhängigkeit von Angehörigen und eröffnet mir die Möglichkeit, ein normales Leben zu führen.

 

Ich habe einen Job in leitender Position, der mir Spaß macht. Ich reise viel und betreibe viele verschiedene Sportarten. Mindestens einmal im Jahr gehe ich in tropischen Gewässern tauchen. Insgesamt bin ich mit meinem Leben sehr zufrieden.

Das alles erzähle ich ihr. Sie schaut mich an und nickt, doch ich merke an ihrem Ausdruck, dass sie mir nicht ganz glauben kann. Ich lehne mich zurück und trinke einen Schluck. Über mir rauschen die Palmen im Wind, von der Bar tönen die sanften Tunes des DJs, die Sonne wird in einer halben Stunde untergehen. Die Stimmung ist perfekt, ich fühle mich glücklich und entspannt. Nie hätte ich nach meinem Unfall gedacht, dass ich in meiner neuen Situation wieder so zufrieden sein könnte. Daher verstehe ich ihre Skepsis, ich hätte sie selbst genauso empfunden. Mir könnte das egal sein, sollte das egal sein. Und doch will ich meine Situation genauer erklären, will dass man mir glaubt, dass ich zufrieden bin. Habe ich Angst vor diesem selbstgefälligen Mitleid, das die Menschen mir oft entgegenbringen?

 

„Es hat lange gedauert, bis ich mit meiner Situation im Reinen war. Natürlich war ich nicht immer zufrieden. Mein Unfall liegt jetzt 13 Jahre zurück. Das ist eine lange Zeit, um sich zu arrangieren.“

 

„Wie ist das eigentlich passiert?“, fragt sie.

 

Auch diese Frage habe ich schon unzählige Male beantwortet. „Ich war 18 Jahre alt, als ich auf der Maturareise an einem griechischen Sandstrand ins Wasser gesprungen bin. Ich weiß nicht genau, wie es passiert ist, aber ich habe mir dabei den fünften Halswirbel gebrochen. Ich wurde mit der Flugrettung nach Österreich gebracht und operiert, und bin seither von den Schultern abwärts querschnittgelähmt. Die Rehabilitationszeit war schrecklich. Nicht nur die Gliedmaßen, auch Atmung, Stoffwechsel, Kreislauf oder der Tastsinn hatten ihren Dienst am Körper quittiert. Ein Jahr lang musste ich alles in verzweifelter Mühe neu lernen. Eine Stunde Sitzen war bereits quälende Anstrengung am Rand der Ohnmacht. Was für ein Erfolg, als ich mich wieder selbst am Kopf kratzen konnte, oder meinen ersten Löffel zum Mund führte ohne alles zu verlieren…

Neben den körperlichen Anstrengungen belastet einen auch die Frage nach dem Sinn dieser Mühen, die quälende Frage, was man denn mit einem Leben im Rollstuhl anfangen will. Damals wusste ich keine Antwort darauf.

 

Doch dann wurde mir klar, dass ich nur dieses eine Leben habe, dass es keinen Sinn hat zu hadern, und dass ich das Beste daraus machen muss. Ab da ging es langsam bergauf. Nach meiner Entlassung aus dem Rehabilitationszentrum habe ich studiert, habe mir ein Auto umbauen lassen und den Führerschein gemacht, habe begonnen zu arbeiten und eine Firma gegründet. Und irgendwann war alles ganz normal.“

 

Sie schaut nachdenklich in die Brandung. Welle auf Welle bricht sich am Sandstrand. Ich habe mich von meinen Erinnerungen wegreißen lassen. Mein Unfall ist eine Zäsur in meinem Leben, und die ersten zwei Jahre danach sind wie ein verschwommener Albtraum in meiner Erinnerung, unwirklich. Es ist sehr schwierig, den eigenen Körper in dieser neuen Situation zu akzeptieren, sich so anzunehmen. Es kommt mir manchmal selbst eigenartig vor, wie normal alles geworden ist.

 

„Vielleicht“, sagt sie, „muss man Schreckliches durchmachen, um das Leben schätzen zu können. Als Außenstehender kann man sich ein Leben im Rollstuhl so schwer vorstellen. Aber wahrscheinlich ist es falsch, es sich nur schrecklich vorzustellen. So wie man sich auch sonst vieles falsch vorstellt: Warum ist der arme Bauer in China, der die notwendige Ration Reis aufbringen konnte, um seine Familie zu ernähren, glücklich und zufrieden? Und warum ist die Selbstmordrate in unseren Städten, in deren Wohnungen sich Fernseher und Videospiele stapeln, am Höchsten? Es sind nicht die offensichtlichen Dinge, die den Menschen Glück garantieren.“

 

Bis nach China ist es ein weiter Gedankensprung, und ich brauche erstmal einen kräftigen Schluck, um mir darüber klarzuwerden, ob diese Gemeinplätze treffend sind. Aber sie hat nicht unrecht. Eine Behinderung ist etwas, das niemand will. Und sie ist für alle so offensichtlich, so im Vordergrund - im Unterschied zu vielen anderen Lebensumständen, die glückshemmend wirken, aber weniger auffällig sind. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum viele Menschen meinen Rollstuhl sehen und mir ein zufriedenes Leben nicht zutrauen.

 

Die Frage nach einem glücklichen Leben mit Behinderung ist die Frage nach dem Glück im Leben überhaupt. Leben ist immer das, was man daraus macht. Die Behinderung wird vom Außenstehenden viel stärker empfunden als vom Betroffenen selbst, der sich als normal empfindet. Durch die Reaktion auf den Rollstuhl wird er überhaupt erst zum Thema. Das heißt, man wird von der Umgebung behindert.

 

Es bedarf dringend wichtiger Veränderungen, um allen Menschen möglichst gleiche Chancen zu bieten; geeignete Voraussetzungen, um auch mit Behinderung ein normales Leben führen zu können: ein familiäres Umfeld, schulische Integration, Zugang zur Bildung. Zahlreiche Beispiele, von Politikern im Rollstuhl, blinden Managern und anderen, zeigen, dass dann alles möglich ist. In der Geschichte der Menschheit war Fehlsichtigkeit über weiteste Strecken ein sicheres Todesurteil – heute gilt eine Brille als normal. Vielleicht wird auch die Behinderung irgendwann ihren Schrecken verlieren.

 

Doch diesen Gedankenfluss behalte ich für mich. Soeben beginnt die Sonne, tiefrot ins Meer zu sinken. Der Himmel leuchtet orange, vom Strand weht eine warme Briese herauf. Von drüben sehe ich meine Verlobte auf unseren Tisch zukommen. Sie schenkt mir ein strahlendes Lächeln, das mich überwältigt, und setzt sich zu uns. Ich bestelle uns noch eine Runde. Das Leben ist wirklich schön.

 

Gregor Demblin, in: Aus dem Bauch heraus. Pränataldiagnostik und behindertes Leben. Hg. von aktion leben und Franz-Joseph Huainigg. Wien 2010.
Der Autor studierte Philosophie, ist Mitinitiator der Plattform "Motary" für Menschen mit körperlichen Einschränkungen, setzte zahlreiche Beratungskonzepte für Barrierefreiheit um und hat eine eigenen Unternehmensberatung.

 



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