Dienstag 19. September 2017

Inhalt:

Lotta kann fast alles

Kinder mit Down-Syndrom ähneln einander nicht besonders, es will nur so scheinen, weil man kein Auge für die Unterschiede hat. Wie ja auch Chinesen für uns auf den ersten Blick alle ähnlich aussehen, während Chinesen untereinander keine Mühe haben, sich zu erkennen.

 

Das liegt daran, dass beim Merken von Gesichtern das menschliche Gehirn mit einem erlernten Durchschnittsgesicht arbeitet, zu dem alle anderen Gesichter in Beziehung gesetzt werden. Lediglich die am stärksten von diesem Durchschnittsgesicht abweichenden Merkmale werden gespeichert, feinere Unterschiede fallen nicht ins Gewicht. So erklärt sich, dass wir auch Menschen mit Down-Syndrom als fremd und weniger individuell empfinden. So erklärt sich die Begeisterung für alles Durchschnittliche.

 

Selbstverständlich ähneln auch Kinder mit Down-Syndrom ihren Eltern.

 

Lottas Mutter sagt: "Irgendwann begreift man: Das ist MEIN Kind. Ich bin nicht die Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom. Ich bin die Mutter von Lotta."

Dem russischen Zaren Nikolaus II. wurde bei einer Gedächtnisfeier auf dem Schlachtfeld von Borodino ein steinalter Bauer vorgeführt, von dem es hieß, er habe Napoleon noch gesehen. Auf die Frage nach dem Aussehen des französischen Kaisers berichtete der Bauer: "Er war ein Koloss mit breiten Schultern und einem Bart bis zum Gürtel."

 

Diese wenig zutreffende Auskunft ist vermutlich gleichermaßen der Unwissenheit wie der tiefsitzenden Überzeugung geschuldet, dass jemand, der großen Lärm macht, selbst auch groß ist - und umgekehrt, dass jemand von kleinem Wuchs kein solches Getöse verursachen kann. Und zudem fällt es umso leichter, etwas zu behaupten, je weniger man weiß - und davon wird bekanntlich fleißig Gebrauch gemacht.

 

Lotta ist elf und klein für ihr Alter, sie liebt ihre Eltern, Theaterleute in Wien. Sie liebt ihre Schwestern, die eine älter, die andere jünger, und sie liebt Pferde. Lotta ist eine gute Beobachterin, sie hat einen pointierten Wortwitz. Sie geht gern ins Kaffeehaus, liest viel, hört gern Musik, spielt Klavier und mag Shakira. Oft wird sie unterschätzt, wegen ihrer Größe, vor allem aber, weil sie das Down-Syndrom hat. Auch darüber wissen die Leute wenig, nicht viel mehr als der russische Bauer über Napoleon - und meistens nichts Positives. Eindrücke aus der Vergangenheit, als Menschen mit Down-Syndrom unzureichend gefördert wurden und weit hinter ihren Entwicklungsmöglichkeiten blieben, blasen einem noch heute als Vorurteile kalt ins Gesicht. Die Leute staunen, wie viel Lotta redet, wie klug und witzig sie ist, wie fröhlich - als wäre daran etwas Ungewöhnliches.

 

Lottas Vater sagt: "Seit dem Sommer kann Lotta Tretroller fahren. Am Samstag geht sie allein ins Blumengeschäft und kauft Blumen. Das gefällt ihr. Beim Nachhausekommen reicht sie im Lift nur bis zur Taste für den siebten Stock, bis zur Taste für den achten fehlen drei Zentimeter. Das kommt bestimmt noch. Bis es so weit ist, geht Lotta das eine Stockwerk zu Fuß."

 

Der Mensch ist ein Entwicklungswesen. Es gilt, was ein irischer Autor mit alkoholisch indizierter Klarsicht formuliert hat: dass Fortschritte in jedem Menschen keimen, und sei's auch noch so verstohlen. Bei Lotta eben ein wenig langsamer. Nur ist in unseren zeitlich hypereffizienten Systemen Langsamkeit nicht sonderlich gefragt.

 

Bei trockenem Wetter fährt Lotta in der Früh mit dem Fahrrad zur Schule, auf einem Anhängefahrrad, sie hinten, ihr Vater vorne, die Liechtensteinstraße entlang Richtung Donaukanal und dann am Kanal entlang in den 3. Gemeindebezirk. Während wir am Wasser entlangradeln, geht über den Häusern Wiens die Sonne auf. "Das ist schön!", ruft Lotta. Dann treibt sie ihren Vater wieder zur Eile an, denn sie möchte schneller sein. "Schneller! Schneller! Er holt uns ein!"

 

Lotta tritt in die Pedale, um ihren Vater zu unterstützen. Mit vereinten Kräften hängen sie mich ab.

 

Als ich an einer roten Ampel wieder zu ihnen aufschließe, rinnen Lotta vom Fahrtwind Tränen über die Wangen. Sie freut sich und verkündet. "Wir sind schneller als du."

"Ich bin schon ganz außer Puste, ich gebe mich geschlagen."

 

"Ha!", sagt Lotta, sie nickt zufrieden, dann, um mich ein wenig zu trösten, lobt sie mein Fahrrad: "Du hast ein schönes Fahrrad", sagt sie.

"Das finde ich auch. Danke für das Kompliment."
"Bitte."

 

An der Pforte der Integrations-Hauptschule, in der Lotta die 6. Klasse besucht, dreht sie sich beim Abschied nochmals um und ruft: "Papa, ich liebe dich!"

 

Lottas Vater sagt: "Daran mussten sich ihre Mitschüler erst gewöhnen. Sie verteilt gerne Liebeserklärungen, an die ganze Welt. Gestern beim Abendessen: Ich lieb dich, Mama, ganz arg. Dich Papa auch. Lili, dich auch. Gretchen, dich auch. Und dich Amina auf jeden Fall. Du bist meine beste Freundin. Ich gebe dir mein Herz."

 

Nichts kann man garantieren. Man bekommt keine Rechnung ausgefolgt, die drei Jahre Garantie verspricht. Das Leben besteht aus Unsicherheit. Die Menschen vergessen, dass das ganze Leben mit Risiken verbunden ist. Es gibt Wahrscheinlichkeiten, aber nie Sicherheit. Und so sehr der Wunsch nach einem perfekten Kind verständlich ist, der Anspruch darauf ist absurd.

 

Die Kinderärztin sagt: "Letztlich geht es um Verantwortung, etwas, was Eltern für das eigene Leben obsessiv zu übernehmen versuchen - deshalb wird nach Möglichkeit alles generalstabsmäßig geplant. Dass aber vor allem Verantwortung für das Kind gefordert ist, wird dabei leicht übersehen. Kinderkriegen heißt, Verantwortung übernehmen zu müssen. Man ist zur Verantwortung verpflichtet. Das Kind hingegen ist zunächst einmal zu gar nichts verpflichtet."

 

Es ist Nachmittag, kurz vor drei. Lotta wird von ihrer Mutter vom Hort abgeholt. Wir gehen zum Hohen Markt und warten auf einen Bus der Linie 1A zum Schottentor. Vom Schottentor fahren die Straßenbahnlinien 37 und 38 zur Nußdorfer Straße.

 

Lotta sagt: "Mama, wollen wir wetten? Welche Linie kommt zuerst? Ich sage 37."
"Dann sage ich 38."
"Okay, die Wette gilt."

 

Beim Schottentor angekommen läuft Lotta voraus zur Rolltreppe, die Schultasche an ihrem Rücken springt auf und ab, manchmal denkt man, die Tasche reißt das kleine Mädchen um. Immer wieder hört man Lotta, ihre Juhu!-Rufe ausstoßen. Und weil morgen die Zeugnisse verteilt werden, singt sie: "Wir haben Ferien, wir machen ein bisschen Pause!" Zwischendurch dreht sie sich um, als wüsste sie, dass wir mit etwas mehr Beeilung eine Garnitur der Linie 37 erwischen würden. Die ist aber schon weg, als wir am Bahnsteig eintreffen, gerade ausgefahren. Die Linie 38 ist angezeigt. Lotta steht vorne am Gleis, sie ist ein bisschen enttäuscht, dass sie die Wette verloren hat.

 

Eine asiatische Frau spricht uns an, sie hatte schon im Bus den Kontakt zu Lotta gesucht. Die Frau erzählt, dass sie ebenfalls ein Kind mit Down-Syndrom habe, einen Buben, der in den Kindergarten gehe, er sei das jüngste Kind von dreien. Einer der Brüder, der mit der Mutter unterwegs ist, ein etwa zwölfjähriger Bub, zeigt uns auf seinem Handy ein Foto von dem Kleinen. Ein hübsches Kind, dunkelhaarig, mit einem schönen runden Kopf und strahlenden Augen. Alle freuen sich.

 

Als wir in die Straßenbahn steigen sagt Lottas Mutter: "Das kommt nicht oft vor, aber doch. Das verbindet natürlich."

 

Wir ergattern freie Plätze. Lotta holt eine Mappe aus ihrer Schultasche, einige Blätter, Geschichten von einem Regenwurm. Lotta liest vor, alles sehr entspannt; das ist nicht immer so. Manchmal starren die Leute, Kinder vor allem. Das ärgert Lotta. Gelegentlich dreht sie sich hin und sagt: "Ich will das nicht."

 

Als Lotta noch kleiner war, fragte ihre Mutter, was Lotta glaube, warum die Kinder starrten. Und Lotta sagte: "Weil ich eine so coole Hose habe."

 

Diese Antwort hat Lottas Mutter sehr angerührt, und als es vor einiger Zeit eine ähnliche Situation gab, hat sie ihre Tochter erneut gefragt, was sie glaube, warum die Kinder starrten. Diesmal habe Lotta geantwortet: "Warum wohl! Weil ich anders bin. Weil ich behindert bin."

 

Lotta verwendet dieses Wort selbst. Sie weiß um ihr Handicap, manchmal bedrückt es sie. Dann wieder redet sie abgeklärt darüber, aus dem Fundament ihrer elfjährigen Erfahrung heraus. Wie für jedermann ist es auch für sie wichtig, sich selbst so zu akzeptieren, wie sie ist, und wie jedermann muss auch sie einsehen, dass die Natur keine Gerechtigkeit kennt, für niemanden. Dieses Akzeptieren gelingt Lotta ganz gut, solange man sie lässt, solange man ihr nicht von außen das Gefühl vermittelt, ungenügend zu sein.

 

"Ich kenne ja diese Zahlen auch", sagt Lottas Mutter. "Und ich fühle mich stellvertretend für mein Kind in meiner Ehre verletzt. Es ist absurd: Wenn man die Leute fragt, sagen die meisten, selbstverständlich, Lotta steht wie jedem ein Platz in unserer Gesellschaft zu. Aber wenn man sich die Zahlen anschaut, gibt es eine stillschweigende Übereinkunft. Das ist janusköpfig. Einerseits diese Abwehr. Und wenn die Abwehr fehlgeschlagen ist, wird umgeschwenkt auf Fördern. Das finde ich scheinheilig."

 

Wir kommen zu Hause an. Lotta rennt zum Lift, er ist bereits im Erdgeschoss. Lotta stellt sich in die Tür, um den Lift zu blockieren.

 

"Hopp! Hopp!", ruft sie, als ich langsam zum Lift trotte. Und dann: "Geh du schon mal rein!"

 

Ihre Mutter, die das Postfach ausgeräumt hat, kommt ebenfalls. Ich stelle meinen Fuß unter die Leiste mit den Lifttasten und sage zu Lotta: "Wenn du auf meinem Schuh stehst, reichst du bis zur Taste für den achten Stock."

 

Sie steigt auf meinen Fuß, erreicht die Taste, freut sich. Wir fahren hoch. Lotta ruft in die Wohnung hinein: "Hallo!? Hallo!?"

Ihre Schwestern, Lili und Gretchen, sind noch nicht da. Ihr Vater schon. Er sagt: "Die Mädchen sind alle gern zu Hause. Zu Hause ist immer etwas los."


Lotta rennt in ihr Zimmer.

 

Ihre Mutter sagt: "Wenn mir das mit dem ersten Kind passiert wäre, hätte es mich bestimmt härter getroffen. Beim zweiten war es einfacher. Ich wollte ja nie eine Musterfamilie. Aber klar, das Wissen darum nicht mehr 08/15 zu sein, macht Angst, selbst wenn man kein stromlinienförmiges Leben führen will. Man lebt in einem System, in einem gesellschaftlichen Rahmen. Und plötzliche weiß man: Auf eine bestimmte Art gehört man jetzt nicht mehr dazu. Na ja, das ist gewöhnungsbedürftig. Es dauert einige Zeit, bis man diesen Emanzipationsprozess durchgemacht hat und sich wieder als eigenständige und intakte Familie begreift."

 

Ein wenig später sagt sie: "Natürlich hätte ich auf meiner Wunschliste nicht Down-Syndrom angekreuzt. So ein Kind bestellt man nicht, das ist schon klar. Aber man bekommt es. Und man liebt es."

 

Denn das Leben ist gemeinhin sehr viel weniger planbar, als man denkt. Die Zeitungen sind täglich voll mit Menschen, die irrtümlich glaubten, dass sie klüger sind als das Leben. Von leichten Erschütterungen werden feingesponnene Zukunftsfäden zerrissen, manche Fäden halten, und andere Fäden werden neu geknüpft. Wie das Kind die Schoßwärme der Mutter verlassen muss, muss der moderne Mensch die Schoßwärme der Illusion verlassen, er könne sein Leben strikt beherrschen. Schaut man in eine beliebige Familie hinein: Was bekommt man zu Gesicht? Ein Durcheinander aus glücklichen und unglücklichen Momenten, in dem mehr vom Zufall bestimmt wird als von Wahlfreiheit.

Es klingelt an der Tür. Es ist Amina, Lottas beste Freundin. Sie hat ebenfalls das Down-Syndrom, geht mit Lotta in die gleiche Klasse und ist eine Schönheit. Ob sie deshalb mit weniger Vorurteilen zu kämpfen hat, ist fraglich.

Lotta sagt: "Amina ist die ganze Welt. Ich liebe Amina wie die ganze Welt."

 

Gäbe es auf dieser Welt nur Menschen mit Down-Syndrom, kämen sie nicht auf die Idee, dass sie einander besonders ähnlich sind, weder äußerlich noch als Person. Man könnte Geschwister erkennen, man könnte Italiener erkennen, die Deutschen, die Schotten. Man hätte bestimmte Leistungsmaßstäbe. Vor allem aber würde man die Verschiedenheiten wahrnehmen, das charakterlich Eigenständige, das Rätselhafte, das unter den gegebenen Umständen gern übersehen wird.

 

Lottas Mutter sagt: "Einmal wurde ich gefragt, wie Lotta wohl wäre, wenn sie nicht das Down-Syndrom hätte. Eine absurde Frage. Ich habe geantwortet: Sie wäre genau gleich. Sie wäre die gleiche verrückte Nudel, die sie ist. Sie ist halt die Lotta."

 

aktion leben österreich, Dorotheergasse 6-8, 1010 Wien | PSK-Konto 7.331.600 | BLZ 60.000 | Tel. 01/512 52 21
aktion leben österreich, Dorotheergasse 6-8, 1010 Wien | PSK-Konto 7.331.600 | BLZ 60.000 | Tel. 01/512 52 21