Freitag 17. November 2017

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Ein paar Gedanken zur laufenden Diskussion

Dr. Michael Peintinger, Referent für Ethik und Palliativmedizin der Ärztekammer für Wien, fordert ein Überdenken im Umgang mit Behinderungen sowie eine Neupositionierung in der Erwartungshaltung nach einem „absolut gesunden“ Kind.

 

Seit der Pressekonferenz im Justizministerium am 15. Dezember 2010 wurde die Debatte um das verkürzt so genannte Thema „Kind als Schaden“ mit einer überraschenden Heftigkeit geführt, die zeigt, welch großes Potenzial an moralischem Dissens besteht.

Die jetzt massiv geäußerten Kritiken, die insbesondere auf die Vermutung abstellen, dass die Möglichkeiten einer Schwangerschaftsbeendigung (eugenische Indikation) gefährdet sein könnten, hätten allerdings schon beim Arbeitsübereinkommen der amtierenden Regierung vorgebracht werden können. Denn bereits darin wurde festgehalten, dass die Geburt eines behinderten Kindes keinen Schadensfall darstellen kann.

 

Zweifellos wurde in den OGH-Urteilen tatsächlich niemals direkt von „Kind als Schaden“ gesprochen. Zugleich aber hat die unterschiedliche Gewichtung der Urteile in der öffentlichen Wahrnehmung ein nicht unerwartetes und verständliches „Eigenleben“ bekommen. Dies unter anderem auch deshalb, weil ja, wie in einer der Urteilsbegründungen festgestellt wurde, nach geltendem Recht die Geburt behinderter Kinder Schadensersatzansprüche auslösen könne, auch wenn die Behinderung durch das Verhalten des behandelnden Arztes nicht schuldhaft herbeigeführt worden ist. Es ist wenig verwunderlich, wenn in der Alltagswahrnehmung daraus eine Ungleichgewichtung zwischen einem „gesund“ geborenen Kind und einem Kind mit „Behinderung“ abgeleitet wird.

 

Vor einigen Gedanken dazu muss aus eigenem Erleben klargestellt werden, dass es weder in der parlamentarischen Enquete, die sich mit der „eugenischen Indikation“ befasste und das Thema aus unterschiedlichsten Blickweisen diskutierte, noch in anderen Gesprächen jemals darum ging, die Sorgfaltspflicht der Ärzteschaft zu relativieren oder gar die Haftung für ärztliches Handeln auszuhebeln.

 

Dass es dem Berufsethos der Ärztinnen und Ärzte entspricht, gut ausgebildet und mit größter Sorgfalt die diagnostischen und therapeutischen Betreuungen der Patienten durchzuführen, sollte eigentlich keiner besonderen Erwähnung bedürfen. Der Umstand, dass dies auch von Vertretern des eigenen Berufstands in einer sehr verallgemeinernden Form so weit in Zweifel gezogen wird, dass nur mehr von „juridischen Sanktionsdrohungen“ Hilfe erwartet wird, bedarf eines gesonderten und wohl auch im vertraulichen Ambiente geführten Gesprächs.

 

Die Frage, inwieweit die Ärzteschaft mit Verfehlungen und mangelnder Sorgfalt auch berufsintern umzugehen weiß, muss immer einer sorgfältigen Evaluation unterliegen, sollte aber doch so weit ausgereift, mit dem Berufsethos akkordiert und innerhalb des Stands gemeinschaftlich getragen sein, dass interne Rufe nach externen Sanktionen kaum erforderlich erscheinen.

 

Dass Ärztinnen und Ärzte generell, namentlich aber in so sensiblen Bereichen selbst, die Sorge um Fehlermöglichkeiten bewegt, ist verständlich. Die Konsequenzen stattgehabter Fehler, das generelle Haftungsrisiko und die Gefahr, dass etwas als Fehler gebrandmarkt werden könnte, was – wie die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde in ihrem Statement vom 13. Jänner 2011 zu Recht festgestellt hat – nicht aus Fahrlässigkeit geschehen ist, sondern „an die Grenzen der Genauigkeit und des Möglichen“ gestoßen sein kann, erscheinen jedoch so bedrohlich, dass dies zu einer noch größeren defensivmedizinischen Haltung führen muss.

 

Die Sorge, selbst bei größter Sorgfalt dem Typ-1-Irrtum zu unterliegen, also einen Kranken irrtümlich als gesund einzuschätzen, kann bereits heute in allen medizinischen Bereichen problematischen Einfluss gewinnen. Während sie jedoch in den meisten Bereichen mitunter „bloß“ zu zusätzlichen Belastungen führen kann, erscheint sie im Pränatalbereich vollends bedrohlich: Schon die nicht „mit aller Sicherheit auszuschließende Vermutung“ kann frühzeitig letale Folgen nach sich ziehen.

In einer Zeit, in der – oft ausgelöst durch eine sehr umfassend durchstrukturierte Lebensgestaltung einschließlich genauer Planung eines Kindes von Zeugung bis Geburt – immer mehr die Frage des „Anrechts auf ein gesundes Kind“ im Raum steht, gewinnt die Thematik an besonderer Brisanz. Natürlich ist es der Wunsch aller – von den werdenden Eltern über die betreuenden Ärztinnen und Ärzte bis zur Gesellschaft –, dass jedes Kind gesund ist und auch bleibt. Die Deutung aber, was alles als nicht mehr „gesund“ und daher nicht mehr akzeptabel erscheint, scheint generell an Schärfe und Kompromisslosigkeit zuzunehmen. Dies verbindet sich oft mit der menschlichen Eigenart, dass offenbar selbst alle tatsächlichen und auch unvorhersehbaren Schicksalsschläge dann leichter ertragen zu werden scheinen, wenn irgendjemand als Verursacher benannt werden kann.

 

So gesehen kann die gesetzliche Klarstellung einen Versuch darstellen, den Druck, der auf allen Beteiligten lastet, etwas zu mildern, indem bei der weiterhin durchaus sorgfältigen ärztlichen Betreuung von Kind und werdenden Eltern die Konzentration auf das Wohl ermöglicht bleibt, ohne dass überbordende defensivmedizinische Erwägungen vom eigentlich grundlegenden ärztlichen Handlungsauftrag ablenken.

 

Mithin erscheinen weder die vorgebrachten Rufe nach Einstellung dieser Gesetzinitiative noch zusätzliche juristische Detailregulierungen oder größere Haftungssummen geeignet, die Qualität zu verbessern. Dies erfolgt eher durch das Bemühen um eine allen Qualitätsansprüchen genügende Ausbildung, für die auch ausreichende strukturelle und personelle Gegebenheiten zur Verfügung stehen sollten und in der auch die Thematik des defensivmedizinischen Handelns umfassend besprochen werden müsste.

Aus medizinethischer Sicht hieße es überdies, nach Abklingen aller Emotionen und Polemiken in der Diskussion jene gemeinsame Überzeugung herauszuheben, die sich in allen Pro- und Kontrastimmen deutlich zeigte und bereits von der Enquete gefordert wurde: die Bündelung aller Kräfte, damit Familien mit behinderten Kindern tatsächlich und endlich bestmöglich unterstützt werden; somit der konkrete Einsatz aller, dass Eltern nicht mehr gezwungen sind, zu erklären, dass sie ihr Kind abgetrieben hätten, wenn sie von der Behinderung gewusst hätten, oder Spießrutenläufe unternehmen müssten, um Pflegegeld zu erhalten. Dies betrifft auch gemeinsame gesellschaftliche Initiativen, damit der Umgang mit schon lebenden behinderten Menschen eine mitmenschliche Verbesserung erfährt.

 

Es wird an uns allen liegen, ob dieses gemeinsame Bemühen letztlich nicht doch mehr Unterstützung bewirken kann, als dies von manchen pessimistisch als „Brief ans Christkind“ eingeschätzt wird.

 

Längerfristig muss allerdings auch gefragt werden, ob nicht auch die Zumutbarkeit eines Lebens mit Behinderung – als Betroffener und als Betreuender – im Lichte der gesellschaftspolitischen Aufgaben der gesamten Gesellschaft und abseits aller Atemlosigkeit der Diskussionen um einen späten Fetozid neu und gemeinsam diskutiert werden muss. Schließlich darf nicht vergessen werden, dass eine große Zahl behinderter Kinder zunächst gesund geboren wurde. Das Überdenken des Umgangs mit Behinderung und eine Neupositionierung ist nicht zuletzt auch deshalb erforderlich, bedenkt man die jüngsten Berichte, wonach das Genom des Kindes aus einem Blutstropfen der Mutter gewonnen und auf etwaige „Schäden“ untersucht werden kann, was die generelle Erwartungshaltung nach einem „absolut gesunden“ Kind – und als Kehrseite die Ablehnung von allem, was möglicherweise auch nur marginal von der „Norm“ abweicht – zweifellos noch erhöhen wird.

 

Aus: doktor in wien, Mitteilungen der Ärztekammer für Wien, 2/11, S. 24 und 25.

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